Estelle Roumage von Lestrille über neue Impulse im Bordeaux

 

 

Du bist nun in der 5. Lestrille Generation Weinbauerin. Erinnerst du dich an einen ersten besonderen Wein-Moment?

 Meine erste Erinnerung ist mit etwa 7 Jahren, als ich jeden Sonntag Morgen mit meinem Großvater in den Keller ging, um die Weinflasche für das Sonntagsessen auszusuchen. Es war ein Keller mit Sandboden, der dadurch einen sehr bestimmten Geruch besaß. Ich erinnere mich sehr gut an den Geruch und die abgenutzten Etiketten auf einigen der älteren Weinflaschen.

 

Was gefällt dir am meisten an der Arbeit mit Wein?

Die Vielseitigkeit. Es braucht die Produktion, aber eben auch den Verkauf, die Unternehmensführung – das gefällt mir. Und ich liebe die viele Arbeit an der frischen Luft. Bei Lestrille machen wir Crémant, Weißwein, Rosé, Rotwein... das führt zu sehr ausgedehnten Erntezyklen, da wir sehr früh mit dem Crémant anfangen und spät mit der letzten Sauvignon Lese enden. Dazu kommen die verschiedenen erforderlichen Techniken, die den Weinausbau als Arbeitsschritt sehr interessant machen. Ein motiviertes Team ist außerdem ein starker Antrieb für mich.

 

 

Für deine Ausbildung warst du auch im Ausland? 

Richtig, ich habe zu Beginn eine Wirtschaftsschule besucht, die zur Hälfte in Frankreich und zur Hälfte in England angesiedelt war. Nach zwei Jahren in Frankreich war ich zwei Jahre in England, wo ich dann auch erst einmal geblieben bin, um ein Jahr lang in London bei einem Weinimporteur zu arbeiten. Danach wollte ich gerne nach Chile gehen – die Chilenischen Weine kamen zu der Zeit gerade auf den Englischen Markt und hatten mein Interesse geweckt. Da ich aber noch kein Spanisch sprechen konnte, bin ich erst einmal nach Madrid gezogen, um die Sprache zu lernen. Letztendlich bin ich dann 4 Jahre in Madrid geblieben und nie nach Chile gegangen! Schließlich kam ich dann wieder nach Hause, wo ich einen Master an der Bordeaux Sciences Agro gemacht habe. Am Ende habe ich noch zwei Vinifikationen begleitet, eine auf einem Weingut in der Nachbarschaft und eine in Neuseeland, wo primär Sauvignon Blanc angebaut wurde. Das hat mir dann wirklich Lust darauf gemacht, die Weißweinproduktion bei Lestrille voranzutreiben.

 

War es für dich immer klar, dass du irgendwann wieder ins Bordeaux zurückkehren würdest?

Im Tiefen meines Inneren schon. Ich habe die Welt des Weins immer faszinierend gefunden, deswegen hatte auch jede Station meines Werdegangs immer mit Wein zu tun. Ich bin aber auch froh im Ausland gewesen zu sein, bevor ich an das Anwesen der Familie zurückkehren konnte.

 

Gibt es etwas, das dir besonders fehlt, wenn du nicht in Frankreich bist?

Ja! Das Brot! Ein schön krustiges Baguette. Deutsches Graubrot mag ich auch sehr gerne. Aber Baguette...

 

Wie lief die Übernahme des Weinguts? Hattest du schon eine eigene Idee in welche Richtung es dann weitergehen sollte?

Die Übernahme lief sehr gut, ich habe ein gutes Verhältnis zu meinem Vater. Wir haben 9 Jahre lang zusammengearbeitet und die Situation immer gemeinsam evaluiert. Als er dann in Rente ging, habe ich die volle Unternehmensverantwortung übernommen. Ich glaube es steckt in den Genen unserer Familie, dass wir progressiv sein wollen, immer in Bewegung. Auch Lestrille ist als Unternehmen immer in Bewegung. Der einzige Unterschied ist vielleicht, dass Papa Agraringenieur und damit etwas technischer und weniger unternehmerisch unterwegs ist als ich. 

 

 

Siehst du Unterschiede zwischen Lestrille und anderen Weingütern im Bordeaux?

Wir haben sicher alle unsere Eigenheiten, vielleicht ist unsere Familie aber etwas qualitätsbesessen! (lacht) Wir sind tatsächlich technisch sehr gut ausgestattet und haben das Glück, ein gut funktionierendes Team zu sein. Das hilft sehr dabei, an einer gemeinsamen Sache zu arbeiten.

 

Wie wichtig ist Nachhaltigkeit im Weinbau?

Sehr wichtig! Lestrille ist neben der ISO 14001 auch HVE (Haute Valeur Environnementale) zertifiziert, wo es nicht nur um Umweltfaktoren geht, sondern auch um einen verantwortungsvollen Umgang mit der Gesellschaft, die uns umgibt.

 

Welche Rolle spielt der Klimawandel im Weinbau?

Die letzten 30 Jahre ist die Durchschnittstemperatur im Bordeaux um ein Grad gestiegen. Für den Reifegrad der Trauben macht das schon einen Unterschied, daher starten wir heute mit der Lese früher als noch vor 30 Jahren. Dieses Jahr haben wir das erste mal in der Geschichte von Lestrille, also seit 1901, die Lese im August begonnen. Das gab es noch nie.

 

 

Also wird man sich an eine Lese im August gewöhnen müssen?

Vielleicht. Inzwischen versuchen wir aber auch, frischere Weine zu machen, als noch in den 80er und 90er Jahren. Auch das ist natürlich immer eine Entwicklung.

 

Lestrille macht jetzt auch Bio Wein. Wie und warum kam es zu dieser Entscheidung?

Richtig, wir stellen gerade um. Wir haben jetzt 40 Jahre mit gemäßigter Schädlingsbekämpfung gearbeitet, und inzwischen gibt es da keinen großen Unterschied mehr. Man sagt auch, dass durch die Erderwärmung der Anbau von Bio Weinen einfacher wurde als noch vor einigen Jahren. Ich weiß aber nicht ob das stimmt – dieses Jahr jedenfalls nicht. Es gab sehr viel Regen im Frühling, das hat es für den Bio Wein nicht leicht gemacht. 

 

Was sagst du zur Bag-in-Box? 

Die sind auf der Ebene der Nachhaltigkeit auf jeden Fall wesentlich interessanter als die herkömmliche Glasflasche. Sie wiegen wesentlich weniger, sind jetzt schon großteils und bald hoffentlich vollständig recyclebar – eine völlig andere Herangehensweise. Einfach eine schönes Sache.

 

Wie würdest du die Lestrille Weine für Glük beschreiben?

Beim Weißwein und Rosé haben wir alles daran gesetzt, frische Weine mit einem größtmöglichen Aroma zu erhalten. Zwei gefällige Weine, die sowohl zum Apéritif als auch zur Mahlzeit gut passen. Der Rotwein ist ein samtiger Wein, aber eben auch ein Bordeaux Supérieur, der seine Struktur besitzt.